"Ich sprenge alle Ketten" (70er Jahre Revue)
  Von Daniel Werner


Christian Ohmann als Alexander Solschenizyn.
Bernd Rieser als Heinrich Böll.
Foto: Tilo Karl

Prilblumen und Anti-Atomkraft-Aufkleber, Flokati-Teppiche, Revanchismus und Trimm-Dich-Hysterie, Angst vor dem Haarspliß und feminine Selbst-findung in Hauruck-Prosa - das Album für das Autor Daniel Werner die textliche Vorlage lieferte, ist voller grell-bunter Bilder.

Die Mixtur aus politisch-kulturellen Schlaglichtern, musikalischer Glitzershow und Spielszenen aus dem Alltagsmief einer typisch deutschen Mittelstands-familie stimmt bis auf I-Tüpfelchen.








Szenen:

Wald 1

Böll (rheinisch): Mein Lieber, Mikrophone sind ja wie Handgranaten.
Da ist man ja ganz nackt und wehrlos als Intellektueller.
Da kommt einem die Wahrheit ganz schnell abhanden, wenn man nicht aufpasst.
Keine Angst, hier in meiner lieben Eifel sind wir ganz ungestört.
Aber Obacht!
Auch diese Bäume wachsen aus den Gebeinen des Weltkriegs.
Da kann auch dieser leckere Kathenrauchschinken nicht drüber hinwegtäuschen.
Im Gulag gab es ja nur Milchsuppe, wenn überhaupt.
Ich weiß.
Wie geht es ihrem Nacken?
Wollen sie Tee?
Oder doch lieber die frische, freie Eifelluft!
Ich kann ihnen echte rheinische Leberwurst anbieten!
Sehr schmackhaft!

Solschenizyn: Da! Da!

Böll (rheinisch): Na, vielleicht doch besser nicht.
Bloß kein Fettschock.
Das Rheinische verwöhnt die Zunge, liegt aber schwer im Magen!
So vieles liegt uns ja schwer im Magen.
Bei ihnen Sibirien, bei mir die bundesdeutsche Wirklichkeit.
Nicht hinsehen.
Haben sie die Fotografen bemerkt?
Sicherlich Springerpresse.
Ekelhaft.
   
Sitzecke 2

Rolf: Also, das ist Monika.

Monika: Hallo. (sie ist schwanger)

Vater: Setz dich doch, Monika

Monika: Danke.

Rolf: Also, wenn ihr nicht aufhört, wie die Ölgötzen rumzusitzen, gehen wir gleich wieder.

Monika: Rolf, laß doch.

Mutter: Was ist denn dein Vater, Monika?

Monika: Dreher.

Rolf: Und da ist sie auch stolz drauf.

Monika: Ich hab aber Abitur!

Rolf: Moni, du brauchst hier gar nichts zu beweisen. Selbst, wenn du kein Abitur hättest...

Monika: Jetzt sei doch nicht so harsch.

Vater: Schon gut! Schon gut!
Dein Vater ist nur ein kleiner Angestellter, kein Bauer und kein Arbeiter, aber ist das ein Verbrechen?
Soll ich mich hier für meinen Sohn auf meine alten Tage umschulen lassen, damit ich standesgemäß bin?
Dann geh doch nach drüben, verdammt noch mal!
Guck dir mal an, wie da die Butter schmeckt!
Nach Schmierseife!

Rolf: Papi, wie oft noch: In der DDR herrscht gar kein echter Sozialismus.
Das ist eine revanchistische Bonzenclique, die auf dem Rücken, der arbeitenden Masse... ach, scheiße.

Mutter: Kinder, wenn die Besucher kommen, ist das eh alles unwichtig.

Monika: Erwarten sie noch jemanden?

Mutter: Kennst du diese riesigen Steinmalereien in Südamerika?
Das sind Raumschiffe. Astronauten mit drei Augen steigen da heraus.
Die haben die Erde vor Jahrmillionen besucht, um das Leben zu bringen, und sie werden wiederkommen, um zu sehen, was draus geworden ist.

Vater: Oh Gott, jetzt geht`s wieder mit Däniken los.

Mutter: Ich hab da Erinnerungen an die Zukunft...

Rolf: Das ist doch alles Stuss.

Mutter: Natürlich!
Wenn ich mal was habe, dann ist das natürlich immer alles Stuss!
Ihr werdet euch noch wundern.


Kritiken:

Rheinische Post
Wo zwischen Flokati und Simmel die Prilblumen blühen


Flusen im „Leifheit Regulus“ - und ein Zug auf dem Weg nach Nirgendwo. Moderne Hausfrau beim Entfusseln der Spiralborsten einer stromlosen Haushalskehrmaschine trifft Schlagerfutzi in lila Slophosen, der vom Küchentisch die große Liebe beschmalzt. Ein ganzes Jahrzehnt in einem einzigen Bild einzufangen, das macht Agma Formanns so schnell niemand nach.

NRZ
Alle Ketten gesprengt

Auf der Bühne spielten sich in braun-orangenen Interieur Szenen einer Familie und zweier Generationen ab. Momentaufnahmen aus einem Jahrzehnt, dessen Stimmung nach den aufbegehrenden 60er Jahren zwischen romantischer Verklärung und der Suche nach neuen Lebensinhalten oszillierte. Mit Erfolg. Nach der letzten Szene war das Heer der Kritiker auf ihrer Seite und klangen die Ovationen wie aus einer Hand.

NA
Mehr als nur eine Revue


Ob der Familienvater auf dem Weg zum Campingplatz-Klo über die Nachteile der taschenlosen Sporthosen schwadroniert und in Badeschlappen Sirtaki tanzt, oder sein Sohn Rolf einen Tobsuchtsanfall bekommt, weil seine Mutter seine einzige Schlaghose gekürzt hat, das alles geht mit intelligentem Witz über die Bühne, ohne jemals zu diffamieren.
Heinrich Böll, der engagierte Schriftsteller aus Deutschland, spaziert mit Alexander Solschenizyn, dem er in seinem Haus Asyl gewährt hat, durch die Wälder der Voreifel und wird von zwei joggenden Damen für einen Terroristen gehalten. Wenn Tochter Sabine als sitzengelassenes Mauerblümchen Marianne Rosenbergs „Fremder Mann, schau mich an!“ zum Besten gibt, kommt fast so was wie Rührung auf.

Ruhr Nachrichten

Eigentlich ging es um die ganz normale Familie mit dem Vater, der der seine Tochter nicht versteht, der Mutter, die von Besuchern aus dem Weltraum träumt, dem ach so revolutionären Sohn und der Tochter, die ihre Protesthaltung bis zum Ende durchhält. Dazu immer wieder Schlager, viel Komik und Selbstironie.