"Perlen und Säue"
  Nessi Tausendschön


Nessi Tausendschön,
herzerfrischende Zynikerin und Welt-Chanteuse von beispielloser Anmut, hat schon vor Jahren eine große, demokratische Leerstelle gefüllt, indem sie sich selbst zur „Königin von Deutschland“ gewählt hat. Und zu Recht bekam sie dafür u.a. den „Salzburger Stier“ und den "Deutschen Kleinkunstpreis", sowie den "Deutschen Kabarettpreis".

Nessi Tausendschön hat als Kabarettistin eine Zunge wie ein Florett, als Sängerin aber eine Stimme wie ein Engel. Eine wunderbare Kombination. Kurzum, hier haben wir es mit einer Frau zu tun, die weiß, was sie will und was sie tut und irgendwie hat man den Eindruck, dass das schon keine „Kleinkunst“ mehr ist. Ihre Kabaretttexte und Lieder sind mal böse, mal melancholisch, ihre Figuren anrührend und hochkomisch. Sicherlich wird ihr alkoholabhängiger Schutzengel wieder auftauchen und die drängenden Fragen der Zeit protokollieren und vielleicht hat Gabi Pawelka noch mehr Motivationsseminare erduldet, die sie nun den Zuschauern überstülpen will. Vielleicht taucht auch Roland Koch als Running Gag noch einmal auf. Der lange verschollen geglaubte Stummfilm „Die schwarze Hand am Sack des Grafen“ wird live zur Aufführung kommen, ebenso wie noch nie zuvor verwirklichte Projekte.

Das neue Programm wird ein echter Kracher, denn Nessi behandelt in Texten und Geschichten Weltenprobleme, bietet weiterhin „Frustschutz“ (so hieß ihr letztes Programm) und „Restwärme“ (das neue Bandprogramm).

Das alles präsentiert sie unter dem völlig unverständlichen Titel „Perlen und Säue“.

Der Kölner Stadtanzeiger schrieb:
„Dabei liegt der Reiz ihrer Auftritte im harten Kontrast zwischen ihrem lasziv-verführerischen Aussehen und dem unerbittlichen Wüten, ihrer luziden Schönheit und der Hemmungslosigkeit, mit der sie auf alles eindrischt, was ihr missfällt.“

Kritiken:

Münchner Merkur

Demoliertes Pathos
Nessi Tausendschön in der Münchner Lach&Schieß

Ein gewisser herrischer Ton will nie ganz verklingen. Nessi Tausendschön gefällt sich als Kommandeuse, ob im grauen Kostüm oder im bodenlangen Roten respektive Blauen. Und auch dem Publikum in der Münchner Lach- und Schieß- gesellschaft gefällt es, angepfiffen zu werden. Eine launische Diva gibt sich hier die Ehre, eine, die damit kokettiert, eigentlich größere Häuser verdient zu haben. Und mit dieser Haltung in Zusammenhang bringen kann, wer will, auch den Titel ihres neuen Programms – „Perlen und Säue“.  Aber natürlich ist die Legende von der grandiosen Karriere, die sie hätte machen können, nur Running Gag, nur Teil eines raffinierten Drehs, mit dem die Tausendschön, unterstützt von ihrem Pianisten Rolf Hammermüller, diejenigen mal becirct und mal beschimpft, die ihr zu Füßen sitzen. Diese Diseuse kann sich alles erlauben, weil sie alles kann. Beherrscht mühelos sämtliche Genres, mit denen man eine Bühne erobern kann – von der Lesung aus der Autobiografie („Es kann nur eine geben“) über die Rezitation eigener, schreiend platter (Liebes-)Lyrik bis hin zum Mini-Stummfilm. Nichts, aber auch nichts ist ernst gemeint, hinter jeder großen Geste schaut der Slapstick heraus, jedes Pathos wird demoliert. Wie soll man ihr Gurren und Schnurren, ihre raffinierten Texte nur ernst nehmen, wenn die Chansonniere dazu den Zappelphilipp gibt? Sie sind einfach gut abgeschaut und abgehört, die herbe Amazone, die „Die Partei, die Partei...!“ schmettert, oder die Sportreporterin, die ekstatisch einen, pardon, „Kunstvögel“-Wettbewerb kommentiert. Und dann gibt’s da noch den Schutzengel der Tausendschön, ein allerliebst abgetakeltes Wesen, das dem Suff  verfallen ist. Aber was bleibt einem auch übrig, wenn man ein so geniales, zuckersüß zynisches Geschöpf zu beaufsichtigen hat?


Süddeutsche Zeitung

Poetisch und ordinär
Nessi Tausendschön in der Lach- und Schießgesellschaft

Nessi Tausendschön macht alles falsch, was man falsch machen kann-absichtlich natürlich. Sie habe ein „Chansonetten-Lager im Irak“ absolviert und sei auf der „Kabarettakademie“ gewesen. Da lerne man die drei goldenen Regeln des Kabaretts: keine Marcel-Reich-Ranicki-Parodie, keine Witze über Angela Merkels Frisur und keine Späße über die erste Reihe. Sie braucht genau einen Satz und keine halbe Minute, um alle drei Gesetze zu brechen.
Nessi Tausendschön, deren neues Programm „Perlen und Säue“ am Mittwoch in der Lach- und Schießgesellschaft Premiere hatte, geht überhaupt forsch mit ihrem Publikum um und schimpft es  - natürlich zum Spaß -  sauber aus. Sie äfft Zurufer nach, brüllt Menschen mit „falsch“ an, wenn sie auf ihre Fragen antworten, und fordert eine präzise Beschreibung des Zugabenwunsches, bevor sie sich herablässt, eine zu geben. Und wenn nicht sofort mitgesungen wird, bricht sie beleidigt ab und sagt: „Entschuldigung, ich bin hier Ekstase gewöhnt.“ Sie ist keine feine Dame, sie tut auch nicht so, sie ist lieber richtig ordinär. Sie singt zum Beispiel für Horst Seehofer „Die Partei hat immer recht“. Oder sie berichtet als Reporterin von der Meisterschaft im „Kunstvögeln“ und scheut sich nicht, die Hörer an den „Empfängnisgeräten“ zu begrüßen und ein Paar zu entschuldigen, das mit „Vögelgrippe“ das Bett hüten muss.
Das Programm lebt von der gewaltigen Energie, die von Tausendschön ausgeht, andererseits gibt es auch wunderbar virtuose Momente, wenn sie zur Klavierbegleitung von Rolf Hammermüller und unter Stroboskoplicht einen Stummfilm nachspielt.
Nessi Tausendschön darf derb sein, weil sie auch leise und poetisch sein kann  - und selbstverständlich im Grunde ihres Herzens ihr Publikum achtet und respektiert.


Abendzeitung

Engel des Humors.
Nessi Tausendschön nahm die Lach & Schieß ein

So sieht sie also aus, die fleischgewordene Sünde: streng das graue Pepita-Kostüm, die Haare aufgesteckt zu einem Wahnsinn zwischen Björk und Prinzessin Leia, die Lippen so rot glühend wie die Rosen die ihr Mikro umranken. Nessi Tausendschön, Kabarettistin und wandelnde Venusfalle in Einem, kitzelt visuell ihr Publikum, um bald nicht nur ihr charmantes Gift, besonders auf Reihe eins, zu verspritzen, sondern mit einem Augenaufschlag die ganze Lach & Schieß zu verschlingen.
Obwohl das Volk ihrer gar nicht wert ist, kann die Diva doch erklären, was ein „Refräng“ ist  - keine Sau singt mit. „Perlen und Säue“ heißt das neue Programm, die Rollenverteilung ist klar, und wahrlich hat die sich wie eine Babuschka-Puppe Kleid für Kleid entblätternde Tausendschön einige Perlen der Komik angeboten, glasklar garniert von Rolf Hammermüller am Flügel.
Da rutscht sie willentlich in die Klamotte, wenn sie als Reporterin bei einem „Vögelwettkampf“ nicht nur die verbale Latte hoch hängt. Oder betört erdverbunden, wenn sie dem Eisprung eine Ode schenkt. Und macht den bunten Abend urkomisch schwarz-weiß, wenn sie strobolichtumwittert im Live-Action-Stummfilm „Die schwarze Hand am Sack des Grafen“ beide Hauptrollen hinexaltiert. „Man darf sich beim Publikum nicht anbiedern“, sang Tausendschön, grausam schräg  - und streichelte als Schutzengel des Humors die Herzen. (mst)


Neuss-Grevenbroicher Zeitung

Kabarett im TaS: Anmut und Größenwahn

Neuss (KaTse) Die Welt verbessern, das wollte sie immer schon. Und genau genommen tut sie das ja auch. Mit jedem Atemzug. Weil die Luft ja ohne Zweifel gereinigt wird, wenn sie durch ihren Körper strömt. An Selbstbewusstsein fehlt es Nessi Tausendschön – Temperamentbündel, begnadete Sängerin und kabarettistische Tausendsassa in einer Person – wirklich nicht, zumindest nicht, wenn sie auf der Bühne steht und sich als „Konifere der Großkunst“ vorstellt, die beim Publikum „Ovulationen“ auslöst. Und egal ob sie protzt, was das Zeug hält, sich eine grandiose Biographie erfindet oder mit äußerst strenger Miene das Publikum abfragt, Nessi Tausendschön macht es mit solch umwerfenden Charme und Humor, singt, schimpft und fabuliert so großartig und amüsant, dass jede Minute, die sie auf der Bühne verbringt, für ihr Publikum einfach herrlich ist.
Eine ganz besondere Perle konnte das Theater am Schlachthof am Freitag zum Abschluss des Sommerkabaretts seinen Zuschauern präsentieren: Noch bevor Nessi Tausendschön Anfang September bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr neues Programm „Perlen und Säue“ präsentiert, begeisterte die Vorpremiere an der Blücherstraße vor restlos ausverkauftem Haus.
Dabei forderte die smart-bissige Kabarettistin ihren Zuschauern einiges ab, vom fehlerfreien Mitsingen des DDR-Ohrwurms „Die Partei hat immer recht“ bis zum offenen Quiz, bei dem es darum ging, jeweils eine Todesart zu finden, die sich auf „-ürzen“ reimt, auf „-ürgen“ oder auf „-icken“.
Drei goldene Regeln, so verrät sie, muss jeder Kabarettist unbedingt beherzigen. Erstens: niemals Reich-Ranicki zu karikieren. Zweitens: niemals über Merkels Frisur lästern. Drittens: auf gar keinen Fall jemals die Zuschauer in der ersten Reihe vorführen. Gerade die letzte Regel allerdings muss sie einfach immer wieder brechen, bekennt sie offen, meckert und zäbbert fröhlich und frech, dass es eine Wonne ist, egal ob sie als singende Volksgenossin den Beweis antritt, dass das zentrale Problem des Sozialismus die Unfreundlichkeit war oder als weißgelockter Schutzengel mit Flauschflügeln und Alkoholproblem (also als „blauer Engel“) Rotz und Wasser heult, weil im Himmel auch nicht mehr alles so läuft, wie Outsider sich das vorstellen: Der Schutzengel der SPD zum Beispiel, „dem ist der linke Flügel abgebrochen“ oder der von Schäuble „der hat Angst vor ihm“.
Überhaupt hat sie eine Menge herrlich schräger und komischer Figuren in ihrem neuen Programm, skurril und voller guter Tipps, so wie „Gaby Pawelka“, auf der Suche nach einem Mann, die weiß, warum es sinnvoll ist, vor der Flugreise Arabisch zu lernen und ungerecht, wenn man auf dem Hinflug abstürzt, statt auf dem Rückflug.
Zwischendurch singt sie Lieder, zart und anrührend, oder schmettert kraftvoll mit imposantem Stimmvolumen wunderbar ironische Songs auf die „neue deutsche Leichtigkeit“, den „Eisprung“ oder die Freiheit, bei Regen den Garten zu gießen, spielt auf der singenden Säge so herzerweichend und wunderschön und wird bei all dem brillant, souverän und humorvoll auf dem Klavier begleitet von dem virtuosen Rolf Hammermüller. Kein Wunder, dass die Zuschauer diesen smarten, weiblichen Bühnenvulkan nur widerwillig und nach zahlreichen Zugaben gehen ließen.